Im Seminar „Bildung: Subjekt und Gesellschaft“ kam es -- aus Gründen, die ich jetzt nicht mehr zu rekonstruieren vermag -- eines Tages dazu, dass ich mich mit meiner Professorin (Frau Reh) über den Begriff „Macht“ unterhielt. Ich war und bin der Meinung, dass Macht, wie auch Gewalt, Begriffe sind, die einer Form bedürfen -- also auch irgendetwas nicht bezeichnen sollten. Frau Reh sah das anders. So ich sie richtig verstanden habe, neigte sie dazu Macht als eine Art „Kitt der Sozialität“ zu beschreiben, also als eine Kraft die allgegenwärtig ist und unser Verhalten steuert...
Die Wunderbare Welt ist umgezogen. Weiter geht's auf www.hannes-jaehnert.de
Freitag, 18. Dezember 2009
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
4 Kommentare:
ich habe deine Ausführungen mit Interesse gelesen. Ich will garnicht so sehr in die einzelnen Theorieansätze gehen sondern nochmal auf die Aussage deiner Professorin zu interpretieren. Wenn Macht als allgegenwärtig gesehen wird, so lässt sich doch sozialkonstruktivistisch argumentierten, dass im ersten Ansatz erst einmal der die Macht, dem Sie zugesprochen wird (qua amt, geburt, charisma um mal auf Weber's Formen von Herrschaft zu rekurrieren).
Erklärungsreich für den Ansatz deiner Professorin finde ich übrigens Hannah Arendts Konzeption von Macht. Hab da in meiner Masterarbeit was zu stehen: "Bei Hannah Arendt findet sich dann eine Machtdefinition, die in der Abgrenzung zu den Begriffen
Gewalt und Stärke vorgenommen wird. Für Arendt ist Macht ein Kollektivphänomen
mit den vier Aspekten: Öffentlichkeit, Versprechen, Pluralität und Handeln. Handeln deswegen,
weil Macht dann existiert, wenn zwei Menschen in eine soziale Interaktion miteinander
treten, also handeln. Das Versprechen ist Grundlage für Kooperation innerhalb politischer
Gemeinschaften, ohne diese wechselseitige Kooperationsgarantie können keine politischen
Ziele erreicht werden. Dieses Handeln und diese Kooperation können jedoch nur in einer öffentlichen
Sphäre existieren, von daher ist Öffentlichkeit der dritte zentrale Aspekt des
Arendtschen Machtbegriffs. Die Pluralität der Akteure, dass heißt ihre wechselseitigen Beziehungen
untereinander bilden quasi das Fundament von Macht, die immer nur in menschlichen
Gemeinschaften existent sein kann (Bevc 2007: 80-84)."
Soviel als erster Input :)
Hallo Sassan, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich habe mich bisher nicht mit dem Arendt'schen Machtbegriff beschäftigt, deshalb find ich deine Antwort auch sehr hilfreich. Aber...
... der Machtbegriff Arendts scheint mir nicht so umfassend zu sein, wie die Macht (der Männer bspw.) häufig kommuniziert wird. Die findet nämlich nicht in der Öffentlichkeit, sondern im familiären Umfeld statt. Wenn Macht aber der "Kitt der Sozialität" sein soll, dann müssten eben auch die (Miss)Verhältnisse im nicht öffentlichen Raum damit erklärt werden können.
Mit Hanna Arendt lassen sich meiner Ansicht nach eher politische Praktiken beschreiben, wobei hier Politik wiederum als "handeln in der Öffentlichkeit" definiert wird ... Und schon sind wir wieder bei der Formlosigkeit der Begriffe -- in diesem Fall dem Begriff der Politik.
Auf meine Mailanfrage hin wurde dieser Erguss nun auch von Wolf Wagner (einer meiner liiiebsten Professoren [em.]) mit den Worten "so habe ich das auch in meiner Vorlesung 'Macht und Herrschaft' dargestellt. Stimme voll mit Ihnen überein." abgenommen.
... und gleich noch ein Kommentar: Im Seminar, zu dem ich diesen Artikel geschrieben hatte, wurde die Idee der Abgrenzung von Macht und Herrschaft aufgegriffen. Im "Memo" zur letzten Veranstaltung heißt es: "Ein Seminarteilnehmer [das bin dann wohl ich] weist darauf hin, dass der hier zu Grunde liegende Begriff von Macht einer Klärung bedarf; seiner Ansicht nach sei der hier weit gefasst und mit ihm könne keine Abgrenzung gegen Nicht-Macht getroffen werden, weil alles Soziale mit Macht verbunden sei. Prinzipiell ginge es um die Beeinflussung menschlichen Handelns; zu unterscheiden sei, ob wir zu irgendetwas geprügelt, gezwungen oder qua Einverständnis gebracht werden ... Foucauls Frage lautet hier: Wie entsteht Einverständnis?"
Diese Wiedergabe meiner Kritik am formlosen Machtbegriff impliziert meiner Ansicht nach die Idee der Macht als "Kitt des Sozialen" (Gegen diesen Ausdruck verwehrte sich Frau Reh übrigens -- er stammt von mir). Macht ist demzufolge Bestandteil von Gewalt und Herrschaft. Die begriffliche Abgrenzung setzt lediglich auf der allgegenwärtigen Macht auf, geht philosophisch aber nicht tief genug. Verständlich Kommunizieren lässt sich das aber nicht ...
Apropos "verständlich": Eine Kritik musste ich mir auf dem Flur in der Uni aber doch noch gefallen lassen. Frau Reh fand meine Ausführung zum Verstehen "etwas schwierig", weil ich meinen Begriff von Verstehen dem Luhmanns gleichsetzte. Und da hat sie freilich Recht. Luhmann meint mit Verstehen den Moment der Unterscheidung von Information und Mitteilung, ich meine mit Verstehen "Begreifen", "Erfassen" oder "Zuordnen". Doch sei es drum. Fakt ist: Wenn wir Lauten einen anderen Sinn zuordnen, als den von der anderen Seite (den Dozentinnen und Dozenten im obigen Fall) intendierten, Verstehen, Begreifen, Erfassen wir nicht, was uns Vermittelt werden soll und es wird doch alles Schall und Rauch ...
Kommentar veröffentlichen